Eine kleine Delegation des bib International College Hannover ist Anfang September 2017 zum neuen Design-Partner nach Österreich gefahren: Die vier Studierenden Carolin J., Viola K., Lina T. und Marc M. sowie Dozentin Silvia Tirre wollten wissen, wie es sich an der New Design University in St. Pölten vor den Toren von Wien studieren lässt. Die Uni ist toll – warum trotzdem teilweise Katerstimmung herrschte, lest ihr hier.

Der erste Tag an der New Design University in St. Pölten

Der Studiengangsleiter für Grafik- & Informationsdesign, Aidan Swanton, stellte der bib-Gruppe die Universität und die Räumlichkeiten vor. »Alles sehr eindrucksvoll«, freute sich Dozentin Silvia Tirre über die Rahmenbedingungen an der NDU. Nach der Führung hielten Studiengangleiter Aidan Swanton und Enrico Bravi, Professor für Grafik- und Informationsdesign, noch einen Kurzvortrag, in dem sie einige Studienarbeiten vorstellten.

Die Aufgabenstellungen in St. Pölten sind recht offen, was den Studierenden viel künstlerischen Freiraum lässt. Sinngemäß lautete eine dieser Aufgaben zum Beispiel: »Entwickelt ein Plakat für ein Theaterstück, das eine Szene beinhaltet, die nur mit Grundelementen der Formensprache wiedergegeben wird.« Auffällig bei den Ergebnissen der Studierenden der NDU sind minimalistische, häufig plakative Designs, die den persönlichen Stil der Studierenden erkennen lassen. In der Komposition von Elementen geht es dabei oft ziemlich raffiniert zu. So werden auch individuelle handwerklich geprägte Ergebnisse präsentiert, die etwa im Siebdruckverfahren angefertigt sind. Wichtig ist hierbei die Idee und der Designprozess an sich – die Herangehensweise, Bilder aus einer Bilddatenbank zu nehmen und dann ohne vorherige Entwurfsphase und entsprechenden Scribbles einfach so mit Photoshop loszulegen, ist in St. Pölten komplett verpönt.

»Wichtig an der NDU ist vor allem das theoretische Fundament, die Gestaltungs-Basics, also Punkt, Linie, Fläche und Bildkomposition«, stellt Silvia Tirre fest. »Das Beherrschen von Design-Programmen kommt erst danach. Mit der praxisorientierten Design-Ausbildung am bib haben es unsere Studies hier etwas schwerer.« Wie schwer sie es damit haben würden, sollte sich am Tag darauf noch herausstellen.

Der zweite Tag an der NDU

Die vier mitgereisten hannoverschen Studies waren nicht zum Spaß dabei – für sie ging es hier um ihren möglicherweise neuen Auslands-Studienort als deutschsprachige Alternative zu Dublin und Southampton. Am zweiten Tag wurde es für die vier entsprechend ernst: Es war sozusagen ihr Bewerbungstag. Sie reichten gleich morgens ihre Mappen ein und unterzogen sich noch während der Sichtung ihrer Arbeiten einer theoretischen Prüfung. Immerhin: »Die Aufgabe, die wir lösen sollten, war eigentlich recht leicht«, erzählten Carolin, Lina, Viola und Marc übereinstimmend. Aidan Swanton erklärte im Abschlussgespräch, dass alle vier bib-Studies im vorderen Bereich sämtlicher Bewerber der NDU lägen und Marc sogar das allerbeste Ergebnis abgeliefert habe – offenbar liefert das bib Hannover eine solide Vorbereitung für den Bachelor-Studiengang an der NDU ab.

Nach einer kleinen Pause wurde im Studio gezeichnet. Die Studierenden sollten bis 16 Uhr zwei von mehreren verfügbaren Sesseln aus je zwei unterschiedlichen Blickwinkeln und in unterschiedlichen Ausführungen analytisch erfassen und in verschiedenen Illustrationsstilen zeichnen. Die Bewerber sollten damit ihre Fähigkeit zur räumlichen Erfassung und zum proportionalen Zeichnen demonstrieren.

Auch mit dieser Aufgabe kamen unsere Studierenden gut klar. Das eigentliche Feedback dazu sollten sie zwar erst eine Woche später per Post erhalten, doch die Reaktion von Aidan Swanton zeigte ihnen bereits im Vorfeld, dass er mit ihren Ergebnissen sehr zufrieden war.

Während dieser Praxisphase wurden die Studienplatzanwärter zum Interview (Feedback Mappe/Portfolio) gebeten. Neben den Studierenden und dem NDU-Gremium, das aus Swanton, Prof. Bravi und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Frau Pötschke bestand, nahm auch Dozentin Silvia Tirre an den Interviews teil.

»Nach dem Einblick in die tollen Arbeiten der Studierenden der NDU vom Vortag schwante mir nichts Gutes«, gibt sie zu. »Denn bei den Arbeiten der NDU stehen hohe künstlerische und kreative Lösungen im Vordergrund, vorzugsweise über Typografie und formale Grundelemente. Am bib International College hingegen ist der Unterricht eher an der beruflichen Ausbildung orientiert und in einem recht engen Curriculum-Korsett gefasst, das darauf bedacht ist, eine möglichst große Bandbreite der Kreativbranche abzudecken und erst im Nachgang eine Spezialisierung zulässt. Der Faktor Zeit verhindert im Unterrichts-Alltag dann oftmals den Tiefgang und das Experimentieren.«

Und so kam es, dass das NDU-Team knallhart die Mappen der bib-Studies analysierte. Kritisiert wurde, dass die Mappen zu wenig individuell seien und lediglich die Übungen aus dem bib-Unterricht enthielten. Dies sei zu gleichförmig und letztendlich auch zu wenig. Insgesamt seien die Arbeiten allesamt zu sehr »Mainstream« und würden wie das Ergebnis einer Software-Schulung wirken. Die Idee müsse jedoch im Vordergrund stehen – nicht die Technik der Umsetzung. Daher solle es ruhig »schräger« sein, experimenteller, gern auch mit mehr Typografie. Auch solle viel großzügiger mit Weißraum gearbeitet werden, damit die Seiten nicht so voll wirken.

Darüber hinaus müssten die Formate in der Mappe nicht alle gleich sein – es könnten durchaus verschiedene Ergebnisse gezeigt werden, allerdings dann bitte sorgfältig präsentiert und aufbereitet – einige Grafiken und Bilder waren teilweise ungenau oder gezielt schräg eingeklebt. Ein Nachteil in den Augen der NDU für den optischen Eindruck einer Mappe. Manchmal lenkte das Präsentationslayout einfach zu sehr ab und verstellte den Blick auf die eigentlichen Arbeitsergebnisse. Also: Keine Angst vor weißem Papier! 🙂

Immerhin: Durchweg gelobt wurde die gute Aufbereitung der Mappen und ihre Struktur.

Trotz der Kritik verliefen die Gespräche die ganze Zeit über sehr wertschätzend und konstruktiv. »Jedes der Argumente des NDU-Teams konnte ich sehr gut nachvollziehen«, so Silvia Tirre. »Zudem gewann ich den Eindruck, dass auch den Studierenden vieles durch die Gespräche deutlicher wurde, zum Beispiel wie ein gutes Portfolio auszusehen hat.«

Das NDU-Team hatte einige Tipps für die Mappen parat: »Investiert mehr eurer Freizeit in die Mappe und stellt euch vor allem auch eigene Aufgaben, die ihr dann individuell bewältigt. Entwickelt eure eigene Gestalterpersönlichkeit – der Betrachter muss in euren Mappen hängen bleiben!«

Frau Tirres ungutes Gefühl erwies sich schließlich als unbegründet. »Aidan Swanton teilte uns im Anschluss mit, dass alle vier bib-Studies die Voraussetzung hätten, das Studium für Grafik- und Informationsdesign an der New Design University aufzunehmen«, erzählt sie erleichtert. »Für den geplanten Quereinstieg im 3. Semester hätten die vier dann auch die Möglichkeit, ihre Portfolios nachzubessern.«

Am Standort Hannover hat das bib-Team Lehren aus der Reise gezogen: »Mich als Dozentin hat diese Reise im Hinblick auf den fachlichen Austausch sehr bereichert, und wir werden uns die Ratschläge der NDU zu Herzen nehmen«, erzählt Frau Tirre. »Unser theoretischer und fachlicher Unterricht ist offensichtlich sehr gut, da unsere Studies die Aufgaben problemlos bewältigt haben. Aber insbesondere die Portfolio-Arbeit werden wir verstärkt in den Unterricht einfließen lassen und die Studierenden zu mehr freien Arbeiten anhalten.«

Ein Fazit

Wer sich als Designer für künstlerische und kreative Lösungen sowie Typografie interessiert und auch mal bereit ist, jenseits des Unterrichts am bib seine Freizeit zu opfern, um sich künstlerisch eigenständig weiterzuentwickeln, der kann sich die wunderschöne NDU vor den Toren Wiens genauer ansehen.

Die vier Studierenden waren übrigens nicht allzu enttäuscht von dem Gesprächsergebnis. Eine von ihnen möchte nach der Ausbildung eh etwas anderes machen (Innenarchitektur studieren statt Ausland-Bachelor) und die anderen drei sind noch gespannt auf die SSU in Southampton und haben zum Teil sehr großes Interesse an »Media Production«. Dennoch ist nicht auszuschliessen, dass sie ihr Portfolio erneut einreichen, um zu erfahren, inwieweit sich ihre Chancen für eine mögliche Alternative in Österreich verbessert haben.

Mehr zur New Design University erfahrt ihr auch in unserem Bericht »Informations- und Grafikdesign vor den Toren Wiens«.

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